Mitteilungen

In vielen Gewässern fehlt Kies

Führt ein Bach oder Fluss zuviel Geschiebe, kann er bei Hochwasser leicht über die Ufer treten und Schäden anrichten. Doch oftmals fehlen in den Schweizer Fliessgewässern Geröll, Steine und Kies. Das wirkt sich auf die Lebewesen aus.

SRF Radio: Echo der Zeit vom 04. Mai 2015 18.00 Uhr

Umsetzungsmodell Revitalisierung

Erfolgreiche Umsetzung der strategischen Revitalisierungsplanung nach GSchG.2011

Idee und Zielsetzung
Das mentale Modell beschäftigt sich mit den Faktoren, welche massgeblich für eine erfolgreiche Umsetzung von Revitalisierungsprojekten verantwortlich sind. Der ökologische Erfolg wird vorausgesetzt und im Modell nicht behandelt. Das Modell soll helfen, sich bewusst zu werden, welche Faktoren, Prozesse und Akteure bei einer Revitalisierung mitspielen und wo die grössten Hebel sich befinden. Aus den Hebeln leiten sich die Schwerpunkte und Handlungsfelder der AG.RENAT ab. Letztlich widerspiegelt das Modell also nichts anderes als die AG.RENAT und deren Umfeld. Das Modell ist nicht abschliessend und wird episodisch angepasst.

Herkunft
Das Modell wurde von Willy Müller entworfen. Anschliessend wurde es mit externen Spezialisten sowie an einem Validierungsworkshop mit vier Renaturierungspraktikern und mit dem Forum der AG.Renat diskutiert.

Funktionsweise
Um den zentralen Begriff „Erfolgreiche Umsetzung Revitalisierung“ sind sieben Hauptfaktoren angeordnet:

  • Landverfügbarkeit
  • Opportunitäten
  • Restriktionen
  • Synergien
  • Knowhow und Erfahrung
  • Legitimität
  • gesicherte Finanzierung

Diese Hauptfaktoren beinflussen die Umetzung eines Revitalsierungsprojekts entweder positiv (fördernd) oder negativ (hindernd), was mit einem + oder einem – direkt beim Pfeil vermerkt ist.
Die Hauptfaktoren sind nach aussen hin in unzählige weitere Faktoren aufgegliedert; der Detaillierungsgrad der Darstellung nimmt zu.
Mittels Klick auf das Kreis-Symbol kann nach Belieben ein anderes Element als „Zentrum“ der Darstellung ausgewählt werden.
Unter „i“ sind weiterführende Informationen zum ausgewählten Begriff nachzulesen. In demselben Informationsfenster findet sich auch der Knopf „Insight-Matrix“, welcher die Dynamik und die Summe der Einflüsse graphisch darstellt.

Link zum Umsetzungmodell

Ganz schön provokativ: Die fünf Mythen der Revitalisierungsökologie

Fünf Mythen, so sagen Hilderbrand et al. (2005), halten sich hartnäckig in der Revitalisierungsökologie. Sie beeinflussen, wie wir Ziele setzen und Projekte bewerten. Die Autoren empfehlen, Revitalisierungsprojekte als Experimente zu sehen, aus denen aktiv gelernt werden kann. Neue Ansätze sollen bewusst nebeneinander getestet und miteinander verglichen werden. Damit erhöht sich auch die Reaktionsfähigkeit von revitalisierten Flussabschnitten gegenüber ausserordentlichen Ereignissen wie grösseren Hochwassern.

Ein Beitrag von Christine Weber zum Thema: Von Altbekanntem und Brandneuem – Revitalisieren als Lernprozess.

Gibt es Mystik auch in der Revitalisierungsökologie? Ja, so postulierten drei amerikanische Wissenschaftler (Hilderbrand et al. 2005). Sie verglichen verschiedene Revitalisierungsprojekte miteinander, v.a. an Fliessgewässern und in Feuchtgebieten. Dabei identifizierten sie fünf gängige Annahmen oder eben Mythen, die in der Revitalisierungsökologie oft unkritisch weitergegeben werden, aber nicht in jedem Fall auch eintreffen müssen:

  • Durchschlag („Carbon Copy“) – Annahme: Die Entwicklung eines revitalisierten Abschnitts verläuft nach einem klaren Muster hin zu einem statischen, vorhersehbaren Endpunkt wie er z.B. aus historischen Referenzbedingungen abgeleitet wird. Gegenbeispiel: Flussökosysteme bestehen aus einem hochdynamischen Mosaik an verschiedensten Lebensräumen. Diese reagieren unterschiedlich auf Revitalisierungsmassnahmen. Zudem haben sich Umweltbedingungen grossräumig u.U. grundsätzlich verändert. Entsprechend ist eine Vielzahl an dynamischen Endpunkten möglich.
  • Traumland („Field of dreams“) – Annahme: „Baue und sie werden kommen“. Werden die abiotischen Strukturen eines Gewässers wiederhergestellt, dann werden sich auch die Organismen-Gemeinschaften entsprechend entwickeln. Gegenbeispiel: Neben der Flussmorphologie beeinflussen zahlreiche andere Faktoren die Besiedlung eines revitalisierten Flussabschnitts, so beispielsweise die Vernetzung, die Wasserqualität oder Hydrologie.
  • Schnellzugstempo („Fast forwarding“) – Annahme: Die Entwicklung von Revitalisierungsprojekten lässt sich künstlich beschleunigen, z.B. durch Bepflanzung. Gegenbeispiel: Unter Umständen werden wichtige Entwicklungsschritte übersprungen, wie z.B. in der Bodenentwicklung. Entsprechend hat man es mit einem unreifen System zu tun, in dem sich wichtige ökologische Funktionen noch nicht einstellen können.
  • Kochbuch (Cookbook) – Annahme: Ansätze, die sich in einem System bewährt haben, lassen sich erfolgreich auf ähnliche Systeme übertragen. Gegenbeispiel: Systeme, die sich strukturell ähnlich sehen, können sehr unterschiedlich funktionieren. Entsprechend kann die Entwicklung eines Revitalisierungsprojekts ziemlich anders verlaufen.
  • Volle Kontrolle („Command and Control“) – Annahme: Durch geeigneten Unterhalt lässt sich die Entwicklung von revitalisierten Abschnitten steuern und kontrollieren. Gegenbeispiel: Steuerung und Kontrolle verkommen dann zur kostspieligen Sisyphus-Arbeit, wenn Hauptbeeinträchtigungen nicht behoben wurden und entsprechend anhaltende Symptome bekämpft werden..

Müssen zahlreiche gängige Annahmen in der Revitalisierungsökologie also unter „Märchenstunde“ abgebucht werden? So wollen die Autoren nicht verstanden werden – das Übertragen von Erfahrungen sei schliesslich zentraler Bestandteil des Lernprozess. Sie ziehen aber folgende Schlussfolgerungen:

  • Mythen haben durchaus ihren Wert, da sie helfen, komplexe Systeme in einfach vermittelbare Modelle zu übersetzen.
  • Alle Annahmen und Übertragungen sind als solche zu behandeln und bewusst zu hinterfragen, insbesondere im Planungsprozess.
  • Fliessgewässer sind sehr dynamisch, die Bedingungen können räumlich und zeitlich stark schwanken. Zudem lässt sich die Zukunft nur schwer vorhersehen, d.h. wichtige Schlüsselfaktoren können sich verändern. Entsprechend empfiehlt es sich, Zielsetzungen nicht fix auf die aktuellen Bedingungen und Herausforderungen auszurichten. Vielmehr sollen sie vorausschauend definiert werden, z.B. unter Formulierung unterschiedlicher möglicher Endpunkte.
  • Revitalisierungsprojekte sind als Experimente zu betrachten, in denen Ansätze bewusst getestet und untereinander verglichen werden können. So wächst unsere „Werkzeug- und Erfahrungsbox“ aktiv und kontinuierlich weiter.
  • Ziel von Revitalisierungsmassnahmen müssen Flusssysteme sein, die auch auf ausserordentliche Ereignisse wie grössere Hochwasser reagieren können. Diese Reaktionsfähigkeit ist in vielfältigen Projekten meist erhöht.

Hilderbrand RH, Watts AC, Randle AM. 2005. The myths of restoration ecology. Ecology and Society 10(1): 19.

Das Gewässerschutzgesetz aus der Sicht des Bundes

Wieso unsere Bäche leiden und was sich dagegen tun lässt – dies erläutert Stephan Müller, Leiter der Abteilung Wasser beim Bundesamt für Umwelt (BAFU), in einem Interview.

Um einen besseren Schutz vor Hochwasser gewährleisten zu können, wurden in der Vegangenheit zahlreiche Fliessgewässer begradigt und verbaut. Heute wissen wir, dass dies auch zu einem Rückgang der Biodiversität in und an den Gewässern führte. Deshalb sieht das Gewässerschutzgesetz Massnahmen vor, welche die Gewässer wieder naturnaher gestalten: Die Gewässer sollen gezielt renaturiert werden und bis in 80 Jahren wieder eine funktionierende Flora und Fauna aufweisen. Die rund 2’000 ha Land, die dazu verwendet werden, gehen vor allem der Landwirtschaft verloren. Ausserdem braucht es zur Begünstigung der Quervernetzung der Gewässer zusätzliche Flächen, der Gewässerraum, wobei dieser aber weiterhin von der Landwirtschaft extensiv genutzt werden kann. Das Problem des Landverlustes relativiert sich, wenn der Blickwinkel geöffnet wird: Insgesamt ist heute der Verlust an Landwirtschaftsfläche aufgrund der Siedlungs- und Verkehrsentwicklung weitaus grösser. Und: Renaturieren heisst nicht nur, etwas für die Natur zu tun, sondern auch für den Menschen. Denn vielfach geht eine Renaturierung mit einer Aufwertung der Naherholung einher.

TOP NEWS vom 17. Februar 2015 > Thema: TOP FOKUS

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